Wetterauer Zeitung

Doppelter Dylan mit Bass : »The Devilish DoubleDylans« bringen dem Meister ein teuflisch gutes Geburtstagsständchen

Merkwürdig. Da zupft der Bassist ein launiges A an, zwei-, dreimal, in einem schleppenden Rhythmus, und noch bevor die Mundharmonika aufheult und der Gitarrist ein paar spärliche Akkorde beisteuert, blitzen im Publikum vorausahnend die Augen auf. All along the watchtower. Der Dylan-Sound. Da ist er. Intensiv, kraftvoll und mit dieser typischen Sogwirkung. Als ob der Meister persönlich auf der Bühne steht. Tut er freilich nicht. Dafür sind »The Devilish DoubleDylans« nach Bad Nauheim in den Überflieger gekommen. »Monsters of Folk Rock« nennen die drei Musiker aus Frankfurt ironisch ihr Programm, das, wie sollte es anders sein, zum größten Teil aus Dylan-Songs besteht.

Wohl gemerkt, die teuflischen Doppel-Dylans sind ein Trio. Zwei Dylan-Verrückte und ein Vollblutmusiker, wie sie selbst schmunzelnd sagen. Gitarrist Robert Nøtzelsen und Bassist Uli van Klapdor spielen schon seit einigen Jahren zusammen, in verschiedenen Bands und was man da eben so spielt. Nøtzelsen spielt am liebsten Dylan. Vor zwei Jahren sang er in einem Frankfurter Club während einer Session den eher unbekannten Dylan-Song »One too many mornings«. Plötzlich hörte er, wie hinter ihm einer die zweite Stimme sang. Das war Jelly Pearl Smiths, und seither gibt's die »Devilish DoubleDylans«.

Im Überflieger spielen sie einen Querschnitt aus dem gesamten Werk des ewigen Literaturnobelpreiskandidaten, der von manchen Fans wie ein Gott verehrt wird und am Donnerstag (an Christi Himmelfahrt!) seinen 60. Geburtstag feiert. Das Publikum hört den gerade mit dem Oscar ausgezeichneten Song »Things have changed«, die »Ballad of a thin man« aus den 60er-Jahren, ein zauberhaft interpretiertes »Shot of love« von 1981, alte Blues-Nummern, Country, Rock'n'Roll, Hillbilly, Gospel, Folk. Dazu ein paar eigene Nummern sowie Songs von den Greatefull Dead oder den »Dr. Robert« von John Lennon, ein Stück aus jenen Zeiten, als Dylan die Beatles noch mit ganz besonderen »Medikamenten« versorgte. Das klingt von Anfang bis Schluss umwerfend gut, Musik zum Drin-Ersaufen, gespielt von Musikern, die mit dem Refrain von »Rainy Day Women 12 & 35« einschlafen und mit »Like a rolling stone« aufwachen.

Nøtzelsen steht genauso hüftsteifbreitbeinig und mit geschminkten Augen hinter dem Mikro wie Dylan, seine Stimme klingt fast ebenso düster und nölig, er jault wie ein angeschossener Kojote und pflegt die bluenotes ebenso ausgiebig wie sein Herr und Meister. Sein fast zwei Köpfe kleinerer Kompagnon Smith entlockt seiner Akustikgitarre derweil kleine sprudelnde Klangfeuerwerke voller Wehmut und stillem Stolz darauf, dass ein hölzerner Kasten mit darübergezogenen Drahtseilen so schön klingen kann, während der Hüne van Klapdor mit dem riesigen Standbass eins wird oder herzerweichende Töne aus der Mandoline hervorzaubert. Zusammen klingt das stellenweise so rauh und ungelenk wie auf einer Session, ein anderes Mal mitreißend schön, immer aber magisch und düster. »Something is happening here, but you don‚t know what it is.«

Das Publikum im Überflieger lauscht dem furiosen Auftritt der drei Dylan-Jünger mit offenem Mund. Begeisterungsstürme gibt es allenfalls am Schluss, die Fans nippen Rotwein, lehnen sich zurück und genießen. Grau ist an diesem Abend die bevorzugte Haarfarbe. Vor Konzertbeginn erzählt so mancher nicht mehr ganz junge Zuhörer von seinen Konzerterlebnissen bei Ry Cooder, der auch bestimmt schon 60 ist, bei Carol King oder den Eagles. Am Tisch nebenan blättert ein Zuhörer in einem ein paar Monate alten »Rolling Stone«, »Those were the days« lautet eine Überschrift in dem Magazin, eine andere »All things must pass«. Ein Titel, der auch von Dylan stammen könnte, den aber George Harrison geschrieben hat, und der wird auch bald 60.

Aber das Alter – oder besser: die Jugend – gilt in der Rockmusik schon lange nicht mehr als allein gültige Eintrittskarte. »Ah, but I was so much older then. I‚m younger than that now«, sang Dylan in »My back pages«. Das war, als ich noch älter war. Ich bin jünger geworden seither. 1964 hat er das gedichtet, und Dylan war ein Rotzlöffel von 23 Jahren. Ein altersweiser Jugendlicher, dessen Songs ewig jung bleiben, insbesondere dann, wenn sie so glaubhaft und lebendig dargebracht werden wie von den »Devilish DoubleDylans«. Wer das verpasst hat, sollte sich den 11. Oktober vormerken. Dann sind die Jungs noch einmal im Überflieger zu hören, zusammen mit Gerhard Henschel und Wiglaf Droste und dem Spardosen Terzett. Man darf sich darauf freuen.

Jürgen Wagner

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