Wetterauer Zeitung

Auf der Suche nach des Gedudels Kern

Auf der Fahrt mit dem Auto nach Frankfurt gleiten im Westen die Bergrücken von Winterstein, Altkönig und Großem Feldberg vorbei. Im CD-Player steckt das neue Album der Devilish Double Dylans, »Bluesbrüder« heißt es, das schönste Stück ist eine Adaption des knapp 17-minütigen Talking Blues »Highlands «, in der hessischen Variante »Taunus« betitelt: »Mein Herz ist im Taunus, sanft und licht, wo das Rotkehlchen mit den Weidenkätzchen spricht.« Ein Heimwehblues. Dunkel und kraftvoll ziehen surrealistische Bilder vorbei, von einer Dönerbude in Fechenheim und dem Flirt mit einer Kellnerin, vom täglichen Wahnsinn und der Frage, was zum Teufel »des Gedudels Kern« ist. Der Schriftsteller Andreas Maier schreibt im Begleittext zum Album, den Double Dylans gelinge »immer mehr das Kunststück, die Zeit in ihren Songs zum Stehen zu bringen«; ihre Musik sei »ein bluesiges Sackenlassen wie in einen alten Ledersessel «. Auf knapp 16 Minuten bringen es die Frankfurter Musiker in ihrer »Highlands«-Version. Dreimal gehört, schon ist der Stau auf der B3 vergessen, und das Ziel rückt näher: Eine Fahrt mit dem Ebbelwei- Express, in dem die Double Dylans vor 70 Fans, Freunden und Spielerfrauen ihr Album vorstellen. Auf dem Albumcover steht das Motto der Band: »Hurra ... es läuft außer Kontrolle.« Das gilt auch heute. Die Organisation ist leicht chaotisch, alle fühlen sich pudelwohl. Drei Wagen wurden angemietet, im ersten soll’s Musik geben, im zweiten liest der Journalist Thomas Waldherr aus seinem Dylan-Essay »I’m in a Cowboy Band« und im dritten wird »geguckt und gebabbelt «. Das klappt auch fast, nur dass dann Musiker und Vorleser die Wagen wechseln, nicht die Gäste, was wohl ein umsteigetechnisches Tohuwabohu ausgelöst hätte. In Frankfurt herrscht grad mal wieder Ausnahmezustand. Eine Demo von Kapitalismuskritikern blockiert die Innenstadt, also führt die Route durch Randgebiete. Beim Blick aus dem Fenster hat man den Eindruck, die Stadt werde gerade abgerissen. Während die knallbunte Straßenbahn durch die Hanauer Landstraße ruckelt, zeigt Frankfurt sein hässliches Gesicht. Blassgelbe 60er- Jahre-Wohnblocks mit Straßenrandbegleitgrün, Baumärkte, Autohäuser, Brachflächen. In Höhe des Zoos, wo umgebaut wird (»Damit’s in Zookunft schöner wird«), singen die Double Dylans ein altes Lied mit neuem Text: »In der Apfelbimmelbahn, o yeah, fahrn wir mit ’nem Affenzahn, o yeah!« Eng ist’s, Ebbelwoi schmiert die Kehlen. Der blinde Wilhelm Tell »Bluesbrüder« ist das fünfte Album der drei Frankfurter, wiederum mit Verstärkung durch befreundete Musiker eingespielt. Waren »Monsters of Folk Rock«, »It’s hard to trust the Lord« und »Ich und ein anderer« folkig bis rockig und der »Rettich- Retter«, naja, irgendwie kauzig halt, so widmet sich diese Scheibe dem Blues. Musikalisch ist das erste Sahne, aber die Jungs haben auch was zu sagen. »Wir sind bei den Texten viel freier geworden, gehen noch mehr weg vom Original«, sagt Matthias Schmidt. Das zeigen schon die Titel: Der »Dirt Road Blues« wird zum »Dreck weg Blues«, aus »The Man in me« wird »Der Main in mir«, die Dylan-Nummer »If jou ever go to Houston« wird zu »Jedes Mal, wenn ich huste« und aus »Blind Willie McTell« wird »Der blinde Wilhelm Tell«, der desillusioniert durchs vereinigte Deutschland reist und beobachtet, wie das Land »national befreit wird«, aber niemand außer ihm nimmt das Neonazi- Kampfhundegebell wahr. Der Ebbelwei-Express schiebt sich an der U-Bahn-Haltestelle Ostendstraße vorbei. Auch hier: Triste Wohnblocks, vermutlich 70er Jahre, hellgrau mit grünen Balkons, daneben Kioske, Internetcafés, Nagelstudios. Sieht aus wie die Hanauer Landstraße, und wie ein Straßenschild verrät, ist sie das auch, immer noch. Man möchte in den Taunus flüchten, »wo die Forelle still im flachen Bachbett steht«. Mehr als nur Coversongs Wiglaf Droste hat über die Double Dylans und das Covern von Songs einmal geschrieben, es gebe genügend »aufdringliche Trittbrettfahrer, die sich mit anderer Leute Meriten behängen und auf fremdem Ticket durch die Gegend blinken und dröhnen«. Das Schöne sei, dass die Double Dylans damit nichts zu tun hätten. Das trifft auch auf »Bluesbrüder « zu, wobei das Album fast nicht erschienen wäre. Als Matthias Schmidt, Robert Noetzel (Gesang und Gitarren) und Uli Klapdor (Bass) die Texte zur GEMA schickten, winkte die erst mal ab. Weil es sich nicht um lineare Übersetzungen, sondern um Textbearbeitungen handelt. Das müsse Sony Deutschland entscheiden. Die Double Dylans lieferten englische Rückübersetzungen, nach zwei Wochen kam die Absage. Und zwei Monate später überraschenderweise doch noch das Okay der GEMA. Thomas Waldherr hat’s da einfacher. Der Redakteur des Online-Portals www.country.de hat in seinem 68-seitigen Büchlein die Country- Wurzeln von Dylan ausgegraben. Dylanologen und Dylanisten kennen die meisten Fakten, aber Waldherr fasst die Mythen und Geschichten gekonnt zusammen, man hört ihm und den Musikbeispielen aus seinem tragbaren CD-Player gerne zu. Schade nur, dass das Gerät einen Wackelkontakt hat und die Musikstücke kontrapunktisch zum Ruckeln der Straßenbahn zerlegt. Als würde Dylan einen seiner bekanntesten Songs bis zur Unkenntlichkeit zersingen, was er auf der Bühne ja gerne tut. Draußen vor den Fenstern, der Ebbelwei- Express hat Sachsenhausen erreicht, schleichen braune 80er- Jahre-Bauten mit rosa Balkons vorbei. »Schöne Gegend hier«, spottet ein Double-Dylan-Fan und hebt sein Glas. Frankfurt kann man sich nicht schöntrinken, aber der Ebbelwei macht’s erträglich. Dafür ist die Live-Musik vom Feinsten. Auf halber Strecke steigt Bretzel-Werner zu und verkauft seine Backwaren. Bretzel-Werner ist eine Frankfurter Institution und eine Bluesharp-Legende. »Welche Tonart«, ruft er den Musikern zu und zieht zum »Rettich Retter Blues« eine Mundharmonika aus dem Kittel. Dann folgt das Auftaktstück des neuen Albums, »Im Namen des Herrn«: »Dreh Dein Radio auf, wer hätte das gedacht, die Double Dylans haben ’ne neue Platte gemacht«, schallt es durch den Wagen, während auf der Mörfelder Landstraße hübsch-hässliche Wohnblocks vorbeiziehen, diesmal mit roten Balkons. Kurz vorm Bahnhof, der Endstation, knipst und winkt ein Japaner wie blöd. Sieht ja auch zu drollig aus, so ’ne Straßenbahn mit Goethe als poppiger Comicfigur drauf, der ein Mikro in der Hand hält, als würde er mitsingen: »Früher war’n wir devilish, heute sing’n wir im Namen des Herrn.« Der Weg zum Auto führt durch die Kaiserstraße, wo die Kapitalismus-Gegner die »internationale Solidarität« hochleben lassen. Am Abend berichtet die »Hessenschau« von Ausschreitungen, Festnahmen und einem schwer verletzten Polizisten. Frankfurt ist schon ein übles Pflaster. Wenn’s solche Leute wie die Double Dylans nicht gäbe, möchte man gar nicht mehr hinfahren. Dann lieber heim in die Wetterau oder in den Taunus, der auf der Rückfahrt wieder besungen wird: »Mein Herz ist im Taunus, im frischen Tau, auf den Gerstenfeldern in der grünen Au, wo sich der Wind an weißen Wolken reibt.« Wann hat’s zuletzt solch schöne Songpoesie auf einem deutschen Album gegeben? Die Texte der Double Dylans, schreibt Andreas Maier, »schwingen sich jederzeit über die lokale Materie ins Universale hinaus «. Wer diesen Weg nicht scheut, sollte sich unbedingt die »Bluesbrüder« besorgen (Infos auf www.devilishdoubledylans.com) und den nächsten Auftritt der Double Dylans in der Wetterau nicht verpassen: Am 11. August zusammen mit der heimischen Band Bluestaxi bei »Blues im Park« in Florstadt- Staden.

Jürgen Wagner

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