Frankfurter Rundschau

Die Spur des Meisters

Die Sonne sinkt über dem Industriegebiet von Hausen. Nicht als rostiger Feuerball, sondern eher im sanften Verglühen. Tiefrot ruht der Wein in den Gläsern der Zuhörer, die vor der "Filiale" hocken, unter den Bäumen den wehmütigen Klängen lauschen, die drei Männer in schwarzen Anzügen, mit schwarzen Sonnenbrillen und schwarzen Hüten ihren beiden Gitarren, ihrem Bass, ihren Kehlen entlocken.

"Ich seh den Zahltag kommen. Ich werde abkassiert, Ich zähl die Tage, zähl die Stunden, bis man mich exmatrikuliert". Rauchig verhangene Stimmen, der kleinste der Drei lässt die Blues harp jammern. Ein wohliges Gefühl von dejà-vu beschleicht die Zuhörer, einer in der ersten Reihe trägt demonstrativ ein schwarzes T-Shirt mit dem Namenszug "Bob Dylan".

Es ist der 69. Geburtstag des Meisters, aber er ist Hausen ferngeblieben. Dafür sind drei Stellvertreter da: Die "Double Dylans". Seit zehn Jahren pflegen die Frankfurter sein Erbe - mit neuen, mit Interpretationen auf Deutsch. Hinter "Exmatrikuliert" verbirgt sich ein Klassiker: "I shall be released".

Die erste Gitarre mit zwölf Jahren

Später, als der Schweiß der ersten Session getrocknet ist, erinnern sich Robert Noetzel und Matthias Schmidt an ihre Anfänge. Als die beiden nach durchsoffener Nacht an einem Küchentisch im Bahnhofsviertel Ende 1999 beschlossen: "Wir gründen eine Rock´n´-Roll-Band." Der heute 44-jährige Noetzel hielt seine erste Gitarre mit zwölf in Händen: "Mein Vater hatte Jazz gespielt in Ami-Clubs." Dann erschien Bob Dylans Live-Album "Before the flood": "Das war der Auslöser."

Bei Schmidt hat der Vater, ein Gitarrist, ihm das Instrument aufgedrängt, als er sechs Jahre alt gewesen ist: "Zuhause in Idstein gab es den Folk Club und wir haben viel Blues gehört." Bei Schmidts Eltern stand die "Greatest Hits I" von Dylan im Plattenschrank: "Aber ich hatte erst Angst vor lauter Rockmusik."
Bei Ulrich Klapdor, dem Bassisten, begann alles "klassisch" mit "acht Jahre Unterricht an der Violine, mein Vater war Opernsänger in Düsseldorf". Als Klapdor 1976 nach Frankfurt kam, hatte er die "Greatest Hits II" des Meisters im Gepäck - und sich für den Kontrabass entschieden: "Ich hab drei-, viermal die Instrumente gewechselt, aber beim Bass hält mich der Rhythmus." Der 53-Jährige fährt Taxi als Brotberuf.

Im Abendlicht vor der Hausener Kneipe - die Franz Zlunka führt, der frühere Wirt des Alten Literaturhauses - wiegen sich die "Dylans" im Takt. "Ich schau raus in den saphir-blauen Morgen, rausgeputzt, den letzten Zug verpasst, steh unter dem Galgen, unter dem Hals den Strick, jede Minute werde ich in die Hölle geschickt."

"Jetzt ist´s egal" haben sie ihre Interpretation von "Things have changed" genannt. "Ich versuche, jeden Song zu meinem eigenen zu machen, zu testen, was hält der aus", sagt "Matze" Schmidt, seit 1993 Tontechniker bei den Städtischen Bühnen. Vier CDs haben sie aufgenommen, zahllose Konzerte gegeben bis Berlin ("Volksbühne"), Hamburg ("Schilleroper"), Ibiza und Marrakesch. Aber der schönste Auftritt, das war doch "im Günthersburgpark, als es dunkel wurde", erinnert sich "Matze".

Sie arbeiten an ihrer neuen CD, haben sich mit Texten gerade für den Robert-Gernhardt-Preis beworben. Und ab 7. September spielen sie zu den Johnny-Cash-Abenden im Schauspiel Frankfurt. Das sind dann nicht die "Double Dylans", sondern die drei Vollblut-Musiker Klapdor, Noetzel, Schmidt. Das ist dann ein neues Kapitel.

In Hausen packen die "Dylans" die Instrumente zusammen, lechzen nach einem Bier. "Ich frage mich, wo das endet, ich weiß es nicht genau, ich bin immer noch auf Straße, lass den Dingen ihren Lauf."

Von Claus-Jürgen Göpfert

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